Beruf und Berufung

AllgemeinErlebnisse & Begegnungen

Zeit für Veränderung

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Beruf und Berufung im Einklang...

… am Beispiel des Benediktiner Ordens

„Viele Menschen suchen nach beruflicher Neuorientierung. Die Neuorientierung ist das Einschlagen einer Richtung, die sich im Laufe des Berufslebens mehrfach entwickeln, aber auch gänzlich verändern kann. Berufliche Neuorientierung ist damit zur Normalität unseres Lebens geworden. In einem Umfeld der Unberechenbarkeit wird es immer wichtiger, seinen eigenen Weg zu finden, die Aufgabe zu erkennen, die innere Befriedigung schafft und dem Leben einen ganz persönlichen Sinn gibt.

Um mich auf den Weg machen zu können in die Benediktiner Abtei in Münsterschwarzach, musste ich erst mal meine Kinder in den Kindergarten bringen. Ausnahmsweise mal zum Frühstück, was bei uns mit zwei Langschläfer Kindern meistens eine Herausforderung ist. Als ich also so durch das Kindergartentor joggte, kam mir schon eine Mutter entgegen, die mir ungefragt entgegen warf „Gerade haben sie die Tür zu gemacht“. Man durfte dann eigentlich kein Kind mehr abgeben. Arghhh. Trotzdem schob die kids durch die Tür.

Mit Herzschmerz machte ich mich auf zum Bahnhof. Auf eine Reise, die ich mir selbst ausgesucht hatte und auf die ich mich auch freute. Trotzdem fiel es mir wieder schwer die Kinder abzugeben, um mich aus Hamburg wegzubewegen. 

Gegen Ende der Zugfahrt baute sich seltsame Spannung auf. Was erwartete mich wohl? 

Machte ich diese Reise, weil ich doch Antworten auf Fragen suchte? Weil ich gespannt war, auf die Persönlichkeit Pater Anselm Grün, den ich einmal live erleben wollte? Weil ich ja weiß, dass es wichtig für mich ist, meinen Geist zu füttern und in Bewegung zu halten? Ich ahnte, dass dieses Seminar nicht nur meinen Kopf füttern sollte, sondern auch mein Herz.

Angekommen. Parkplatz Gästehaus Münsterschwarzach. Komischerweise wurde ich auf einen Schlag ehrfürchtig. Warum denn jetzt das? 

Für den Moment konnte ich noch gar nicht genau sagen was und vorallem warum. Aber irgendwas passierte mit mir. Die Kirchenglocken erinnerten mich an das Zuhause meiner Kindheit. Wir wohnten damals genau unterhalb eines Klosters. War es das? Fragte ich mich, wohin ich seitdem gekommen war und und vorallem womit. Eine erste Zäsur.

Ich checkte ein. Mein Zimmer hatte ich mir genauso vorgestellt. Schlicht, einfach, nur das Nötigste. Reduktion auf das Wesentliche. Nur am schwenkbaren Waschbecken über der Kloschüssel blieb ich hängen.

Andere Menschen kamen mit mir an. Ganze Gruppen. Ich war allein. Ich verglich mich mit ihnen. Warum eigentlich? Ich stellte fest, dass ich Farbe reinbrachte. Persönlichkeit. Komisch. Ich kannte die anderen nicht, aber ich nahm mich so wahr. Warum fragte ich mich all diese Fragen?

Die Kirchenglocken läuten. Wir waren eingeladen das Seminar mit dem Gottesdienst zu beginnen. Logisch. Kloster. Katholisch.
Etwa 50 Männer in schwarzen Kutten kamen geschlossen in Reih und Glied in die Kirche. Diese Inszenierung strahlte Macht aus. In wurde skeptisch. So eine Ansammlung von keuschen Männern fand ich schon immer komisch. Ich verfolgte das, was passierte. Die Männer gaben in einem Sprechgesang etwas wieder, was ich nicht verstand. Die Menschen in den Reihen, standen auf und setzten sich wieder hin und standen auf und setzten sich wieder. Ich machte das mit. Es wirkte sehr seltsam und ich fühlte mich wie eine Idiotin. Den Mut das Auf und Nieder zu unterbrechen, brachte ich aber auch nicht auf.

Woher kommst du? Warum bist du hier?

Als die Messe um war, gingen alle zum Abendessen. Ich setze mich zu fünf fremden Menschen an den Tisch. Woher ich komme, werde ich gefragt und warum ich hier bin. Schnell stelle ich fest, dass ich jedem eine Rolle gebe. Die Teeeinschenkerin, die die Kirche geschwänzt hatte. Der Gekündigte, der sich jetzt als selbstständiger Coach versuchte. Die 50-jährige, die sich das Seminar, zum Geburtstag geschenkt hatte, weil sie sich in der Buchung vom Elefantencamp in Chiang Mai vertan hatte. Ich frage mich, welche Rolle ich bekomme – wahrscheinlich die mit der vergessenen Jeansjacke oder die, mit der leuchtenden Sonnenbrille.

Die Gruppe war mit 32 Teilnehmern sehr groß. Nach dem Essen ging es los im Seminarraum. Und da traf ich das erste Mal auf ihn – Pater Anselm Grün. Freundlich, nett wirkte er auf mich. Gar nicht ehrfürchtig, sondern ganz nahbar. Er eröffnete das Seminar mit einem Psalm aus der Bibel und übertrug ihn auf das Thema des Seminars und der heutigen Zeit. Denn die drei zentralen Fragen der nächsten Tage lauteten:

Wer bin ich? Was kann ich? Was will ich?

Nach einer ersten typischen Aufwärmübung mit: Wer wohnt wo… wer ist wo geboren und welchen Beruf hat wer, ging es für die Lebenslaufarbeit in die erste Partnerübung. Nix neues für mich. Ich erwischte einen Posaunisten. Er erzählte mir viel über das Orchester, wie das funktioniert, was dieses alles macht und ich bekam ein Gefühl, warum er da war. Gleichzeitig stellte ich mir die Frage, wie der wohl auf mein Feuerwerk von „was ich alles gemacht habe“ wohl reagieren wird. Booste ich den gleich vom Stuhl. Ich habe fünf Minuten.
Weil ich viel zu erzählen habe, schmettere ich ihm alles entgegen. Danach holt er tief Luft, schüttelt sich einmal und gibt mir folgendes wieder:  Ich bin die Mutter von zwei Kindern. Aber ( 🙂 ich habe Power. Bin scheinbar flexibel. Wäre es nicht die Selbstständigkeit gewesen, die man mir auf dem Silbertablett serviert hatte, dann wäre es irgendetwas anderes gewesen, was ich angepackt hätte. (Da war es wieder KEEP ON MOVING, mein Lebensmotto). Ich wirke auf ihn, als wolle ich was bewegen. Was ich aber so konkret mache, kann er mir nicht mehr wiedergeben. Damit ging ich erst mal schlafen.

Das Bild hinter dem Bild

Eigentlich hatte ich erwartet, dass ich in den drei Tagen zur Ruhe kommen würde. Aber das stellte sich so gar nicht ein. Eine solch große Gruppe, mit so vielen unterschiedlichen Personen, die man entweder gar nicht kennenlernte, oder gleich mit voller Wucht, führten jetzt nicht unbedingt zur Ruhe. 

Da war zum Beispiel Sandy. Sie hatte 21 Jahre lang versucht Opernsängerin zu werden. Sie erzählte unter Tränen, wie ihr Kampf zwischen Dranbleiben und Veränderung sie fast aufgerieben hätte. Zum einen das feedback ihrer Mentoren und Lehrer, die ihr das Gesangstalent bestätigten und sie zum Dranbleiben motivierten. Der Wunsch etwas Großes erreichen zu wollen und dafür hart zu arbeiten und es trotzdem nicht zu erreichen. Immer wenn sie vorsingen musste, um ein Engagement zu bekommen und damit auch die finanzielle Bestätigung, versagten ihre Nerven. Sang sie ungezwungen, kam ihr Talent durch sie hindurch zum Tragen und bewirkte etwas Magisches. Das war die Geschichte, aber das Bild hinter dem Bild zeigte ihren übermächtigen Vater und Großvater, der es ihr schwermachte. Wahrscheinlich wäre die Arbeit an ihrem Selbstwertgefühl und der freundlichen Verabschiedung der Übermacht, der Schüssel für ihre persönliche Veränderung gewesen.

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Aber auch Alex, der Motivationstrainer beeindruckte mich sehr. Ihn hatte ich erstmal schön in die Schublade, Red Bull Trinker, Chips essender Flegel, der von seinen Eltern gezwungen wurde in das Seminar zu gehen, gesteckt. Es stellte sich heraus, dass er mit der schlimmsten Form von Neurodermitis geboren wurde. Nach Jahren der Qual und Quälerei stand er am Rande eines Berggipfels, in dem festen Willen sich umzubringen. Da fragte er zum letzten Mal Gott um Hilfe – „wenn er wirklich da sei, solle er ihm gefälligst ein Zeichen geben“. Plötzlich verspürte er, so seine Erzählung, eine Schubkraft quer durch sein Herzen. In diesem Moment, begann er sein Leben in voller Konsequenz zu leben. Er verabschiedete sich von der Opferrolle. Stand jeden Morgen um sechs Uhr auf und ging joggen. Schweiß und Blut liefen über seine offenen Hautstellen. Er stellte sich das Bild vor, was er machen würde, wenn er wieder gesund wäre. Jeden Tag. Er las die Bibel, ging in ein Sterbezentrum, machte eine Ausbildung und nach einem Jahr bescheinigten die Fachärzte ihm ein medizinisches Wunder. Es war beeindruckend, wie er über das Durchhaltevermögen und seine Veränderung sprach. 

Ach ja, da war noch Pater Anselm Grün. Gleich zu Beginn ergriff ich die Chance zu einem Einzelgespräch für 15min. Warum ich hier wäre und was ich gerne mit ihm besprechen würde, fragte er mich?
Ich erzählte ihm von dem Event, welches ich organisiert hatte und meiner Einladung eines Referenten der Upstalsboom Gruppe (Bodo Jansen hatte 2018 ein Buch und einen Film mit ihm gemacht über menschliches Führen). Sein Gesicht erhellte sich, seine müden Augen blitzten auf. Das fand er schonmal gut. Kurz umriss ich ihm, wie meine berufliche Reise bis dato war und ich mich fragen würde, ob ich jetzt nach zwei Herzenskindern wieder genau da weitermachen sollte. Woran ich merken würde, dass genau dies meine Berufung war und nicht etwas anderes. Woran er das denn für sich festmachte. 

Grundsätzlich kann ich zur Begegnung mit ihm sagen. Er wirkte auf mich müde. Müde der Menschen. Nicht weil er sie nicht wertschätzen wollte, sondern weil er einfach sehr viele gesehen hatte. Alle, die irgendwie von ihm die Lösung ihrer Probleme wissen wollten.

Deshalb kann ich jetzt nicht sagen, dass er mich als Persönlichkeit umgehauen hat. Ob man das in der kurzen Zeit überhaupt erwarten konnte, weiß ich auch ehrlich gesagt nicht. Was ich aber sagen kann, dass zwischendurch ein emotionales Flackern in seinen Augen zu sehen war, dass es beeindruckend war, jemanden zu erleben, der mit Sprache und Wissen dermaßen jonglieren kann. Man musste wirklich sehr aufmerksam zuhören, damit man ihm überhaupt folgen konnte. Der Kopf wurde trainiert.

Der Inhalt der Tage verschwamm und ich machte die typischen Übungen zu Stärken, Schwächen, Feedbackrunden gar nicht mehr mit. Für meinen Geschmack war das zu überladen und für alle diejenigen, die wirkliche eine essenzielle Frage mitgebracht hatten eine komplette Überforderung.
Der Inhalt ist ein Impuls. Hatte man wirklich Fragen, dann war dieses Format mit dieser Gruppengröße nicht das Richtige. Es war ein Herzensevent – mehr nicht.
Der Abschluss der 2 Tage bildete eine interne kleine Messe, bei welcher er auch unsere Handys, Ringe, Ketten und Autoschlüssel segnete. Ich weiß, es soll ein Symbol sein, ein an etwas denken. Ein Verankern von positiven Gedanken, aber sehr katholisch eben. Und für mich befremdlich. 

Als er fertig war, verabschiedete er sich von jedem persönlich und mit dem Satz: 

„Ich kann leider nicht mehr bleiben, denn ich muss mit der Sparkasse essen gehen!“

Das fand ich ziemlich lustig!! :-))

Hilfreiche Informationen:

Wo kann man diese Seminare buchen?

https://www.abtei-muensterschwarzach.de

Dieser Kurs gibt Impulse, die eigene Berufung zu erkennen, unabhängig zu werden von der Beurteilung durch andere und die Überzeugung zu gewinnen, etwas Wertvolles in sich zu tragen und schaffen zu können.“

Welche Leute sind da so?
Es waren 50:50 Männer und Frauen jeden Alters da. Der jüngste so 32, die älteste so 63 würde ich schätzen.

Muss man da sehr christlich sein?
Nein. Aber natürlich hilft es, wenn man eine tolerante, offene Grundhaltung mitbringt.

Hat es mir etwas gebracht? Würde ich es wieder machen?
Nein. Ich würde es nicht noch einmal machen. Aber ja, bringen tut so etwas immer irgendwas. Es bringt immer sich auf den Weg zu machen und sich zu reflektieren. Man bekommt nicht die eine Antwort auf einmal, aber viele kleine Antworten helfen auch auf einem Weg.

Was kostete mich das?
Eine Zugfahrt und ein Busticket. Der Kurs inkl. Übernachtung 450,– Euro